Fehlversorgung ist auch Resultat mangelnder Bereitschaft

Es ist nicht neu, dass die metabo­lische Situation beim Dia­betes das Herz schädigt und die Lebens­zeit verkürzt. Doch Kenntnisse über Sterb­lichkeit und bessere Prognose durch Behandlung haben kaum Vorteile für Patienten gebracht. Bleibt zu hoffen, dass der herzkranke Diabetiker in die Hände von Ärzten gerät, die richtig ent­scheiden.


Herz 03.16 © Springer Medizin Verlag GmbH
Herz 03.16 © Springer Medizin Verlag GmbH

Für die Therapie von Herzkranken mit Diabetes wird und kann es kein Patent­rezept geben. Das bestätigt die Mai-Ausgabe von „Herz“, die den aktuellen Stand der Diskussion über Screening, Pathophysiologie, Herzinsuffizienz, Revasku­larisation und plötzlichen Herztod zusammenfasst.1 Diese Themen wurden auch von der Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker) bei der Jahrestagung der DGIM (Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin) aufgegriffen.

 

Spätestens bei der Herzin­suffizienz wird klar, dass „metabolic failure“ oder das, was im Herz bei Diabetes passiert, noch nicht hinreichend geklärt ist. Nur Zuckerhöhe und Koronar­sklerose liefern jedenfalls keine plausible Erklärung, dass Diabetiker so anfällig für den Tod sind. Ihre Sterblichkeit bei Herzinsuffizienz ist hoch – auch mit normaler Koronarperfusion. Sie haben mit besserer Ejektions­fraktion (EF > 35%) das gleiche Risiko für plötzlichen Herztod wie Nicht-Diabetiker mit schlechter EF (< 35%). Die Mortalität steigt, wenn die linksventrikuläre EF (LVEF ≤ 35%) reduziert ist. Erhöhte elektrische Instabilität bei Diabetes könnte eine Rolle spielen.

„Es muss als Weck- und Warnruf zugleich verstanden werden, wenn Kardiologen wie Carsten Israel zu Defiziten in der Behandlung Stellung nehmen“, so Professor Diethelm Tschöpe von der Stiftung DHD. Privatdozent Israel mutmaßt, dass der herzkranke Diabetiker trotz Indikation mit elektrischen Devices nicht ausreichend versorgt ist. Genau diese Patienten würden von ICD (implantierbarem Kardioverter-Defibrillator) oder CRT-D (kardialer Resynchronisationstherapie mit Defibrillator) profitieren. Gut überlegt sollte der Einsatz antidiabetischer Substanzen sein. Aus Sicht des Diabetologen Tschöpe: „Möglichst keine Medikamente, die proarrhythmisch wirken. Und Insulin nur, wenn es klinisch begründet werden kann.“

Herzspezialist Israel klagt an: „Wir haben heute fantastische Möglichkeiten, dem Patienten im Anflug von Stenose einen Stent zu verpassen. Wir können Ischämie behandeln, verfügen über Antiplatelet-Therapie und neue Antikoagulanzien, aber beim Diabetes kommt das alles nicht an. Obwohl das Potenzial, den Diabetikern das Leben zu retten viel höher ist als bei Patienten ohne Diabetes.“

 

Bleibt die Frage, ob es immer nur Strukturen im Gesundheitssystem sind, die dazu führen, dass Patienten inadäquat versorgt sind. Wenn selbst Erkrankten auffällt, dass greifbare Lösungen nicht umgesetzt werden, weil Zusammenarbeit fehlt, ist das kein Lob für die Medizin. Da kann noch so viel über Interdisziplinarität geredet werden. Fehlversorgung beim herzkranken Diabetiker ist sicher auch ein Resultat von mangelnder Bereitschaft.

 

1Herz - Cardiovascular Diseases, 41. Jahrgang, Heft 3, Mai 2016,
  Springer Medizin Verlag GmbH Berlin
  Papierausgabe: ISSN 0340-9937
  Elektronische Ausgabe: ISSN 1615-6692
  www.springermedizin.de/herz/11830.html

K. Hertramp


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